
Kalenderblatt 8 aus dem Zyklus „Geschichten in Stein“. Steinmetzarbeiten aus dem 12. Jahrhundert. Alle Fotos von Dieter Thiel.
Die Weisen aus dem Morgenland
Die Weisen aus dem Morgenland haben sich auf eine lange Reise begeben um den neugeborenen König der Juden zu ehren. In Jerusalem treffen sie auf König Herodes, der ihnen ein vergiftetes Angebot macht. Sie sollten ihm berichten, wenn sie diesen König gefunden hätten, damit auch er ihn anbeten könne.
Doch es kam anders.
Unter einer Decke
Die drei Schläfer unter einer Decke kennen wir schon: Drei bekrönte Häupter schlafen eng beieinander liegend, geschützt von einer prächtigen Decke. Sie sind leicht erkennbar als die Weisen aus dem Morgenland.
Die drei sind uns schon in Autun in der Kathedrale Saint Lazare begegnet. Auch dort kann man sie schlafend auf einem Kapitell bewundern; zum Glück nicht hoch oben im Kirchenschiff, sondern ganz aus der Nähe in der Ausstellung im Kapitelsaal. Die beiden Darstellungen sind so ähnlich, dass wir uns fragen, ob sich der Bildhauer in Arles an Meister Ghislebertus, dem selbstbewussten Künstler aus Autun, orientiert hat.
Zum Glück sind die Weisen hier in Arles, an der Kathedrale Saint-Trophime, ganz leicht an der Eingangsfassade zu bewundern. Im Unterschied zu Autun überrascht uns hier die Positionierung des mächtigen Engels mit erhobenem Zeigefinger. Er steht im Zentrum der Aussage, die heiligen Könige sind auf die Seite gerückt. Für den Künstler ist hier die Kraft des Engels die wichtigste Botschaft. Er ist es, der den Weisen in ihrem Traum erscheint.
Der Traum der Weisen
Die Mahnung des Engels lautet: „Macht euch unverzüglich zurück auf den Weg nach Osten, verzichtet auf eine weitere Begegnung mit König Herodes“.
Hier stellt der Bildhauer bewußt den Engel in den Mittelpunkt des Reliefs. Er beschützt die Weisen: Seine Arme sind weit ausgebreitet; eine Hand zeigt ihnen die Richtung ihres Wegs und die andere Hand steht für Gottes Schutz.
Der Text im Alten Testament:
1 Als nun Jesus geboren war in Bethlehem in Judäaa, in den Tagen des Königs Herodesb, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem, 2 die sprachen: Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten! 3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er, und ganz Jerusalem mit ihm. 4 Und er rief alle obersten Priesterc und Schriftgelehrtend des Volkes zusammen und erfragte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5 Sie aber sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht es geschrieben durch den Propheten: 6 »Und du, Bethlehem im Land Juda, bist keineswegs die geringste unter den Fürstenstädten Judas; denn aus dir wird ein Herrscher hervorgehen, der mein Volk Israel weiden soll«.e 7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundigte sich bei ihnen genau nach der Zeit, wann der Stern erschienen war; 8 und er sandte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht genau nach dem Kind. Und wenn ihr es gefunden habt, so lasst es mich wissen, damit auch ich komme und es anbete! 9 Und als sie den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er ankam und über dem Ort stillstand, wo das Kind war. 10 Als sie nun den Stern sahen, wurden sie sehr hocherfreut; 11 und sie gingen in das Haus hinein und fanden das Kind samt Maria, seiner Mutter. Da fielen sie nieder und beteten es an; und sie öffneten ihre Schatzkästchen und brachten ihm Gaben: Gold, Weihrauch und Myrrhe. 12 Und da sie im Traum angewiesen wurden, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg zurück in ihr Land.
Matthäus 2, 1-12 (Schlachter, Version 2000)